16.07.2026

Innehalten

Manche Gedanken brauchen Abstand.

Seit vielen Jahren fällt mir vor den Sommerferien etwas auf. Die Gespräche mit Führungspersonen, Teams und Behörden verändern sich. Bis kurz vor den Ferien bestimmen Sitzungen, Projekte, Entscheidungen und Termine den Alltag. Vieles soll noch abgeschlossen werden. Dann wird es etwas ruhiger. Und plötzlich tauchen andere Fragen auf.

War unsere Entscheidung wirklich stimmig? Müssen wir dieses Thema nach den Ferien nochmals aufnehmen? Sind wir als Team noch auf dem richtigen Weg?

Diese Fragen begegnen mir nicht nur im Sommer. Sie begleiten mich seit vielen Jahren.

In meiner Arbeit stelle ich immer wieder fest: Die meisten Schwierigkeiten entstehen nicht, weil gute Ideen fehlen. Oft wissen die Beteiligten sehr genau, worum es geht. Was häufig fehlt, ist die Zeit, gemeinsam innezuhalten und das Offensichtliche auszusprechen.

Innehalten bedeutet für mich nicht, nichts zu tun. Es bedeutet, einen Schritt zurückzutreten und die Situation mit etwas Abstand anzuschauen. Nicht sofort nach der nächsten Lösung zu suchen, sondern sich zuerst zu fragen: Worum geht es eigentlich? Was wollen wir gemeinsam erreichen?

Ich habe immer wieder erlebt, dass gute Entscheidungen selten unter Zeitdruck entstehen. Oft brauchen sie einfach etwas Zeit.

Vielleicht ist das eine der Qualitäten dieser Sommerzeit. Sie schafft Abstand. Und mit etwas Abstand verändert sich manchmal auch der Blick auf eine Situation.

Vielleicht braucht es nicht immer zuerst eine neue Lösung. Manchmal genügt es, einen Moment innezuhalten und die Situation nochmals mit einem offenen Blick zu betrachten.

Beobachtungen aus der Praxis – Jürg Kraft