05.06.2026

Wer ständig reagiert, verliert die Richtung

Die meisten Führungspersonen arbeiten nicht zu wenig. Eher im Gegenteil. Viel schwieriger ist es, zwischen all den dringenden Themen die Richtung nicht aus den Augen zu verlieren.

Sie beginnen den Tag mit einer klaren Vorstellung davon, was ansteht. Dann kommt ein Anruf. Eine E-Mail. Jemand braucht eine Entscheidung. Eine Sitzung dauert länger als geplant. Dazwischen taucht ein Problem auf, das sofort gelöst werden soll.

Am Abend haben Sie das Gefühl, den ganzen Tag gearbeitet zu haben. Vieles wurde erledigt. Und trotzdem bleibt die Frage: Bin ich heute bei dem vorangekommen, was eigentlich wichtig gewesen wäre?

In Gesprächen mit Führungspersonen höre ich solche Gedanken immer wieder. Und ehrlich gesagt: Ich kenne sie auch selbst.

Wer Verantwortung trägt, muss reagieren können. Das gehört dazu. Mitarbeitende haben Fragen, Kunden Erwartungen, Projekte geraten ins Stocken und manchmal passieren Dinge, die man nicht planen kann.

Schwierig wird es dort, wo das Tagesgeschäft die Führung übernimmt.

Dann folgt ein Thema dem nächsten. Man löst Probleme, beantwortet Anfragen und trifft laufend Entscheidungen. Man ist beschäftigt. Sehr beschäftigt sogar. Aber nicht unbedingt mit dem, was für die Organisation wirklich entscheidend wäre.

Das Dringende hat nämlich eine besondere Eigenschaft: Es meldet sich zuverlässig von selbst.

Das Wichtige tut das oft nicht.

Niemand ruft an und sagt: «Nehmen Sie sich heute eine Stunde Zeit, um über die strategische Ausrichtung nachzudenken.» Niemand verlangt, dass man sich bewusst mit den eigenen Prioritäten auseinandersetzt.

Genau diese Themen sind es aber, die langfristig den Unterschied machen.

In vielen Organisationen fliesst viel Energie in aktuelle Probleme. Für die Klärung von Zuständigkeiten, die Entwicklung des Teams oder strategische Fragen bleibt dagegen oft wenig Raum. Dabei beschäftigen genau diese Themen Organisationen meist deutlich länger als die Probleme des Tages.

Schon früher habe ich über die Bedeutung von «Klärung vor Lösung» geschrieben. Inzwischen beschäftigt mich eine weitere Frage: Wann nehmen wir uns überhaupt noch die Zeit für diese Klärung?

Wer von einem Thema zum nächsten springt, findet dafür kaum noch Raum. Das nächste Thema wartet bereits. Und ehe man es merkt, bestimmen andere die eigene Agenda.

Ich erlebe immer wieder Organisationen, die sehr engagiert unterwegs sind. Es wird viel gearbeitet, diskutiert und entschieden. Gleichzeitig bleiben grundlegende Fragen liegen: Was wollen wir eigentlich erreichen? Was hat im Moment Priorität? Und worauf verwenden wir unsere Energie?

Nicht weil diese Fragen unwichtig wären. Sondern weil alles andere lauter ist.

Dabei entsteht Orientierung nicht zufällig. Sie entsteht dort, wo Menschen bewusst innehalten und sich Zeit nehmen, über das Wesentliche nachzudenken.

Das braucht nicht immer einen Strategietag oder eine externe Klausur. Manchmal genügt bereits die einfache Frage: Beschäftigen wir uns gerade mit dem Wichtigsten – oder nur mit dem Dringendsten?

Meine Erfahrung ist, dass viele Schwierigkeiten nicht dadurch entstehen, dass zu wenig gearbeitet wird. Sie entstehen, weil die Aufmerksamkeit ständig wechselt und die Richtung aus dem Blick gerät.

Führung bedeutet deshalb nicht nur, auf das Nächste zu reagieren. Sondern auch dafür zu sorgen, dass die Richtung sichtbar bleibt.

Denn wer die Richtung kennt, kann auch entscheiden, worauf er nicht reagieren muss.