Wenn Rollen unklar sind, wird es schnell persönlich
«Mit dieser Person funktioniert es einfach nicht.» Ein naheliegender Gedanke. Aber nicht immer die ganze Erklärung. Manchmal beginnt die Klärung bei Rollen und Erwartungen.
In meiner Arbeit als Berater, Coach und Mediator erlebe ich immer wieder, dass eine Zusammenarbeit schwieriger wird. Gespräche werden mühsamer. Missverständnisse häufen sich. Irgendwann steht die Frage im Raum: Warum klappt es mit dieser Person nicht?
Schnell richtet sich der Blick auf das Verhalten des Gegenübers. Der eine gilt als zu dominant, die andere als wenig kooperativ oder zu wenig initiativ. Solche Einschätzungen können durchaus berechtigt sein. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick. Denn nicht selten tragen auch ungeklärte Rollen und unterschiedliche Erwartungen zu den Spannungen bei.
Ein typisches Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Die Führungskraft erwartet mehr Eigeninitiative. Die Mitarbeiterin wiederum geht davon aus, dass sie nicht einfach entscheiden kann. Beide warten aufeinander. Mit der Zeit entsteht Ärger. Die Führungskraft erlebt die Mitarbeiterin als wenig initiativ, die Mitarbeiterin die Führungskraft als unklar. Beide haben aus ihrer Sicht gute Gründe für ihr Verhalten.
Was zunächst eine ungeklärte Erwartung war, wird zunehmend persönlich.
Solche Situationen entstehen besonders leicht, wenn sich in einer Organisation etwas verändert. Eine neue Führungsperson übernimmt. Aufgaben werden neu verteilt. Verantwortlichkeiten verschieben sich. Teams werden neu zusammengesetzt. Was vorher selbstverständlich schien, ist es plötzlich nicht mehr.
Rollenklärung bedeutet nicht einfach, ein Organigramm zu zeichnen oder Stellenbeschreibungen anzupassen. Dabei helfen einfache Fragen: Wer übernimmt was? Was erwarten wir voneinander? Wer entscheidet worüber?
Diese Fragen sind wenig spektakulär. In Klärungsgesprächen erlebe ich jedoch immer wieder, dass sich etwas verändert, sobald sie offen angesprochen werden. Plötzlich wird sichtbar, dass hinter einem persönlichen Konflikt auch ungeklärte Rollen oder Erwartungen stehen können. Manches hat damit zu tun, dass Menschen von unterschiedlichen Vorstellungen ausgegangen sind, ohne darüber gesprochen zu haben.
Natürlich löst eine Rollenklärung nicht jeden Konflikt. Menschen haben unterschiedliche Persönlichkeiten, Interessen, Haltungen und Arbeitsweisen. Manche Schwierigkeiten liegen tatsächlich auf der zwischenmenschlichen Ebene. Gerade deshalb lohnt es sich, zuerst Rollen und Erwartungen anzuschauen. Danach wird oft klarer, worüber noch gesprochen werden muss.
Für mich ist wichtig, einzelne Personen nicht vorschnell für eine schwierige Zusammenarbeit verantwortlich zu machen. Zuerst lohnt sich der Blick darauf, was im Zusammenspiel nicht funktioniert.
Rollenklärung verhindert nicht jeden Konflikt. Aber sie hilft, über das zu sprechen, worum es tatsächlich geht. So lässt sich vermeiden, dass über Personen gestritten wird, obwohl eigentlich Erwartungen und Verantwortlichkeiten ungeklärt sind.
